Mano, Wüstensohn. Colette Hellings (Text), Claude K. Dubois (Bilder). Aus dem Französischen von Eva Ziebura. Moritz Verlag Frankfurt, 1997.

Es ist soweit, heute, am 1.1.2021, soll der erste Post erscheinen – da S. nicht mitspielte, ist es doch nach Mitternacht geworden. Dafür habe ich mir ein ganz besonders schönes Buch ausgesucht: Mano, Wüstensohn. Es ist die Geschichte von Mano, einem Tuaregjungen, der zum ersten Mal in seinem Leben aus der Wüste in die Stadt kommt. Dafür steht er ganz früh auf und versteckt sich im Sanitätsauto, das seinen Vater und zwei weitere Männer auf die stundenlange Reise in die Stadt mitnimmt. In der Stadt verkauft der Vater was er hergestellt hat und kauft vom Erlös ein Dromedar, mit dem sich die beiden auf die gefahrvolle Heimreise machen.

Ich finde dieses Buch ganz besonders schön, da es erstens aus wunderschönen, ruhigen Aquarellen besteht, die großflächig alle Seiten füllen und auf künstlerische Weise (hauptsächlich in Gelb- und Grautönen) das Leben der Tuareg darstellen. Und zweitens zeugt der Text von einem Respekt vor der Wüste und den Touaregs, was häufig in philosophischen Sätzen zum Vorschein kommt. So trinken die Männer ihre drei Tassen Tee: „Die erste, so bitter wie das Leben, die zweite, so süß wie die Liebe … und schließlich die letzte: So mild wie der Tod.“ Ebenso ist die Rede von „Essuf“, der alles beherrschenden Leere. Die Ruhe und Erhabenheit der Wüste wird sowohl in den Bildern als auch im Text sehr gut vermittelt. Es wird sowohl die Schönheit der Wüste dargestellt, als auch die vielen Gefahren, die von ihr oder ihren Bewohnern ausgeht (Skorpion, Klapperschlange …). Es gibt ebenfalls einen Satz auf Arabisch, der das Fremde der abgebildeten Welt unterstreicht. Obwohl die Geschichte so viel bietet, was den Kindern hier fremd sein dürfte (Schlafen im Zelt, Fahren auf der Ladefläche des Sanitätsautos, …), wird genau dies als alltäglich dargestellt. Die Geschichte wird konsequent aus Manos Sicht erzählt, der sich dann über die Lebensform in der Stadt wundert. Bei seinem Besuch fragt er den Vater, warum denn die Touristen nicht verschleiert seien und wie die Leute in den hohen Häusern leben. So wird das für uns Fremde durch Mano alltäglich und unser Alltägliches in seinen Augen zum Fremden. Gleichzeitig gibt es genug Anknüpfungspunkte für die Leser und Zuhörer, die Nähe schaffen: die Hilfe, die Mano von seiner Schwester bekommt, die Angst Manos vor der Strafe des Vaters, weil er sich ins Auto geschlichen hat, die Freude und Erleichterung als seine Mutter ihn in ihre Arme schließt („Es ist so schön wieder ganz nah bei dir zu sein!“) …

Somit ist es ein Buch, das auf leisen Sohlen kommt, aber viel zu sagen hat. Es benennt Dinge ohne sie weiter zu thematisieren, wie beispielsweise, dass die Männer der Touareg Schleier tragen. Genauso dass sie auf dem Boden sitzen, auf der Imzad (Musikinstrument) spielen, tagelang auf ihrem Dromedar durch die Sandwüste reiten … So wie das Dromedar auf Seite 30 im Bildvordergrund wie selbstverständlich sein Junges säugend abgebildet wird. Diese Selbstverständlichkeit und Alltäglichkeit kommt mir die richtige Ausdrucksform vor, wenn etwas einem selbst Fremdes dargestellt werden soll, da sie Nähe schafft. Es werden Gesprächsanlässe geschaffen, bei denen das Anderssein und das Gleichsein thematisiert werden können.

A&E mögen das Buch sehr gerne, obwohl ich den Eindruck habe, sie können es in seiner Komplexität noch nicht ganz schätzen (philosophische Aspekte). Stattdessen sprachen wir aber lange über das Skelett einer Gazelle, die in der Wüste verendet war und wie schön es ist, zu seiner Familie zurückzukehren.

Auf der letzten Seite gibt es ein paar informative Zeilen zur Situation der Touaregs. Das Buch bietet ein erstes Kennenlernen der Touaregs. Leider ist es nur noch gebraucht erhältlich.  

©Kathrin Schneider

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