Jamina. Kinder der Savanne. Paul Geraghty. Aus dem Englischen von Ingrid Weixelbaumer. Verlag St. Gabriel, Mödling-Wien, 1994.

Mit diesem Buch bleiben wir erstmal auf dem afrikanischen Kontinent und folgen dem Dorfmädchen Jamina und ihrem Großvater in die nigerianische Savanne. Sie wollen Honig sammeln. Jamina, wie alle kleinen Kinder, spielt die ganze Zeit. Sie spielt Jäger (der Originaltitel lautet „The Hunter“), rennt herum und, wie es so kommt, verliert ihren Großvater. „Sie rief, aber niemand antwortete.“ Da hört das Mädchen ein „jammervolles, verzweifeltes Weinen, das ihr das Herz zerriß.“ Sie geht immer weiter in den gefahrenvollen Busch und trifft schließlich auf ein Elefantenjunges, das seine Mutter verloren hat. Damit wird ihre Situation in der des Tieres gespiegelt. Die beiden verlorenen Kinder machen sich gemeinsam auf den Weg durch Wind und Wetter, um zurück zu Jaminas Dorf zu gelangen. Die Mutter des kleinen Elefanten wurde von Wilderern erschossen, die Jamina später auch noch einmal sieht. Dieses Thema bietet vor allem für ältere Kinder Gesprächsstoff. Die tote Elefantenmutter ist allerdings kein schönes Thema für ein kuscheliges Vorlesen vor dem Schlafen. Hier wird geschrieben, dass das Junge vergeblich versucht, seine Mutter aufzuwecken und dass die Jäger dagewesen waren. Es ist schön, dass der Autor nicht schreibt, dass die Mutter getötet wurde. Dennoch kommt man nicht darum herum, es den Kindern genau so zu sagen, denn als erstes kam bei uns die Frage: „Wieso wacht die Mutter nicht auf?“

Am Abend legen sich Jamina und das Elefantenjunge schlafen – sie haben das Dorf immer noch nicht erreicht. Jamina hat große Angst. Trotz der übernatürlichen Begegnung mit dem Elefantenjungen handelt es sich um eine realistische Erzählung. Jamina tritt mit keinem weiteren Tier in Kontakt (Vogel, Zebras, Schildkröte, Krokodil, …) und ihre Haltung zeugt von großem Respekt vor der Savanne. Jaminas Angst vor der Nacht und dem Busch illustrieren dies ebenfalls. Der Höhepunkt ist zweifelsohne als, in der größten Angst Jaminas, eine Herde Elefanten auftaucht und das Kleine mitnimmt. Das kleine Mädchen Jamina, ohne Angst, übergibt das Kleine in die Obhut der Herde. Die großen Bilder der Elefanten sind majestätisch und vermitteln die Größe der Dickhäuter. Jamina selbst wird erst im Morgengrauen von ihrer Mutter gefunden. Auf dem Heimweg sagt sie sich, dass sie niemals ein Jäger werden wird. Während sich die Einsamkeit und Verlorenheit Jaminas in der des Elefantenjungen spiegelte, ist auch die Wiedervereinigung mit der Familie parallel. Es bleibt ungeklärt, ob die Begegnung mit dem Elefantenbaby real oder imaginiert war. Da Jamina sich in der Nacht aus Angst an es klammert, könnte es auch eine Strategie zur Stress- und Angstbewältigung sein. Nachdem keine Mütter da sind, wird sie zur Ersatzmutter für das Elefantenkind und kümmert sich auch ganz mütterlich: redet ihm gut zu, beschützt und versteckt es … Erst in der Dunkelheit dreht sich dies um und sie klammert sich nun an das Tier. Der Unsicherheitsfaktor, war es nun eine reale Erfahrung oder imaginiert, ist ein Gegengewicht zur generellen realistischen Aufmachung des Buches und gibt ihm Tiefe.

Weitere positive Punkte sind die traditionelle Kleidung und Ausstattung von Jamina und ihrem Großvater. Die Landschaft wird wie anhand einer Fotocollage mit gemalten Details dargestellt. Im Seitenvordergrund werden mehrmals großformatig Pflanzen und Tiere abgebildet. Die Details bieten viel Gesprächsstoff und schulen die Beobachtungsgabe (zum Beispiel anhand der gerollten Blätterärmchen oder dem gelben Insekt mit seinen vielzelligen durchsichtigen Flügeln, auf denen die Regentropfen abperlen).

Insgesamt wird eine sehr universale Story erzählt, über ein Mädchen, das verloren geht und wieder gefunden wird. Dabei können das Thema sich verlaufen und die möglichen Gefahren besprochen werden. Das Setting ist in der Savanne natürlich anders. Dadurch können sich die jungen Leser mit dem Mädchen identifizieren und gleichzeitig über fremde Landschaften lernen. Beziehungsweise lernen, dass dort nicht nur die afrikanischen Tiere leben, sondern auch Menschen wie du und ich.

©Kathrin Schneider

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