Ich bin anders als du. Ich bin wie du. Ein Wendebuch. Constanze von Kitzing. Carlsen, 2019.

Heute möchte ich über ein Büchlein aus Deutschland sprechen – „Büchlein“, weil es auch (wieder) ein Pappbilderbuch ist und auch ein kleines Format (14x14cm). Dafür ist es aber ungewöhnlich dick: fast 3cm! Und ganz schön oho! Wie der Titel bereits verrät, geht es um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Menschen am Beispiel von Kindern. Der Clou ist, dass man zuerst die Hälfte „Ich bin anders als du“ liest und ab der Mitte das Buch umdreht und quasi von hinten wieder anfängt, diesmal „Ich bin wie du“. Es werden immer zwei Kinder (mitunter kommt auch mal eine erwachsene Person vor) gegenübergestellt, immer mit dem Halbsatz „Ich bin anders als du, weil …“ oder „Ich bin wie du, weil …“. Die Lesenden können dann selbst mal überlegen, was die Abgebildeten unterscheidet oder verbindet. Auf der folgenden Doppelseite kommt dann sozusagen die Auflösung mit der zweiten Hälfte des Satzes, z.B. „… wir die Welt entdecken wollen“ oder „… ich mit rechts male und du mit links.“ Die erste Doppelseite, auf der man raten kann, was sie verbindet oder unterscheidet, ist meist einfach gehalten: ein einfarbiger Hintergrund und die beiden Personen, die sich ansehen. Die erste Doppelseite zeigt die Personen meist von der Brust aufwärts, während die zweite Doppelseite mehr von den Menschen und ihrer Umgebung zeigt (Kinder schrecken Tauben in einer Stadt auf, Kinder teilen Essen auf dem Pausenhof…). Die Zeichnungen im gesamten Buch sind detailliert ohne überladen zu sein. Sie sind bunt, aber dennoch schlicht.  

Als wir das Buch zum ersten Mal lasen und ich fragte, was denn jetzt der Unterschied zwischen den beiden Kindern sei, übertrafen sich A&E mit Vorschlägen und Theorien, aber niemals, wirklich nie nannten sie die Hautfarbe als einen Unterschied. Das finde ich schon bemerkenswert, denn mir ist das zuerst aufgefallen. Die Kinder schlugen eher Locken, Haarfarbe, Stern auf dem Pulli etc. vor. Mittlerweile können wir dieses Spiel aber gar nicht mehr spielen, da sie die Lösung kennen und nur diese gelten lassen (in diesem Alter hat das geschriebene Wort noch die Macht der Wahrheit). Zu Anfang fand ich es etwas irritierend, dass sich die Lösung der Gemeinsamkeiten oder Unterschiede nicht mehr aus der ersten Doppelseite eines Paares ableiten lässt. Manchmal gibt es Hinweise, wie der Schnuller, der für viele Geschwister steht, die Stifte für den Unterschied in der Händigkeit oder ab und zu weist auch der Pulliaufdruck auf die Lösung. Mittlerweile hat man aber den Eindruck, die Kinder schon zu kennen. Außerdem ist es ja eigentlich logisch – und auch Botschaft des Buches – dass man den Menschen ja die Unterschiede und Gemeinsamkeiten meist gar nicht ansieht. Die Kinder im Buch unterscheiden sich, indem sie unterschiedliches Essen mögen, unterschiedliche Instrumente spielen, unterschiedlich viele Geschwister haben oder statt mit dem Mund mit den Händen reden. Sie ähneln sich, weil sie gleiche Vorlieben (tauchen, sich um Tiere kümmern…) oder Charakterzüge (gerne teilen, frech sein …) haben. Nie steht also das Aussehen im Vordergrund.

Im Buch kommen alle möglichen Haut-, Haar- und Augenfarben vor. Herkunft und Zugehörigkeiten zu beschreiben wird vermieden, dadurch wird auch Folklore oder positiver Rassismus vermieden. Tipptopp! Es gibt außerdem Brillentragende und Sommersprossige, Lächelnde und Lachende, verschiedene Familienformen, ein Mädchen mit Gipsarm, ein taubes Mädchen, einen Jungen im Rollstuhl und einen Jungen mit Beinprothese, der auf einen Baum geklettert ist. Es gibt eine interkulturelle Familie (Vater „schwarz“, Mutter „weiß“) und vielleicht eine alleinerziehende Mutter. Sie wird allein mit ihrer Tochter abgebildet, was ja nicht bedeutet, dass sie alleinerziehend ist. Wenn man aber, wie die Autorin, Vielfalt abbilden will, sollte man auch an verschiedene Familienformen denken. Einmal geht es um eine unterschiedliche Anzahl von Geschwistern und es sieht so aus, als hätte das Einzelkind zwei Väter. Das Kind sitzt auf dem Rücken eines kräftigen Mannes, naheliegend der Vater. Mit seltsam großem Abstand dazu steht ein dünner Mann (Bartansatz am Kinn) mit kinnlangen Haaren und Brille, der sich allerdings mit der Familie auf der gegenüberliegenden Seite überschneidet, die alle wie für ein Familienfoto zusammengerückt sind. Mehr als die fehlenden Geschwister fällt hier die Körpersprache auf. Vielleicht ein Hinweis, dass nicht alle Familien dieses Wir-rücken-für-ein-Familienfoto-zusammen-Gefühl haben? Die Situation bleibt unaufgelöst und ambivalent.

Auf einer Doppelseite wird der Unterschied Junge/Mädchen explizit gemacht (beim Baden in der Badewanne), passenderweise an eineiigen Zwillingen. Sie gleichen sich bis aufs Haar, sind aber doch unterschiedlichen Geschlechts… Als Zwillingsmama stutzt man da sofort: eineiig, aber unterschiedlichen Geschlechts? Das geht doch gar nicht! Doch, geht – ganz selten. Eineiige Zwillinge entstehen, wenn eine Eizelle durch ein Spermium befruchtet wird und sich dann teilt. Die Kinder sind quasi Klone und notwendigerweise des gleichen Geschlechts. Bei zweieiigen Zwillinge gibt es zwei Eizellen und zwei Spermien. Die Kinder teilen sich so viel Erbgut wie alle Geschwister, nur wachsen sie zufällig gleichzeitig im Bauch heran. Und dann gibt es noch sogenannte „halbidentische“ Zwillinge, ganz selten, und angeblich nur zwei dokumentierte Fälle (siehe Artikel im Spiegel und beim Bayerischen Rundfunk von 2019). Dabei wird eine Eizelle von zwei Spermien befruchtet. Da dann jedoch drei, statt zwei, Chromosomensätze vorliegen, sterben diese Embryonen normalerweise ab. Wenn sie sich dennoch weiterentwickeln, können später immer noch Gendefekte festgestellt werden. Nun ja, wir wollen über diese Ungereimtheit hinwegsehen, weil uns das Buch gut gefällt. Und weil das Versteckspiel „Ich bin anders als/gleich wie du“ hier so schön funktioniert.  

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass nur ein asiatischer Junge vorkommt und niemand mit Kopftuch/Schleier. Der gesamte Bereich Religion wird ausgeblendet, was ein bisschen schade ist, denn dies gehört zur Vielfalt, auch in Deutschland, dazu. Man hätte dies nebenbei ganz unaufgeregt, genauso wie die Familienformen, nennen können. Im Buch werden Mädchen auch mal mit kurzen Haaren abgebildet, Jungs allerdings nie mit langen, nicht mal längeren Haaren (nur der eine Mann auf der Einzelkindseite, der allerdings kaum auffällt). Ein Junge trägt ein Kostüm mit einem Einhorn und im Video „Buchtrailer“, verfügbar auf der Webseite der Autorin, sagt ein Mädchen sinngemäß, nur weil du ein Junge bist, heißt das nicht, du kannst dich nicht als Einhorn verkleiden. Dass das Einhornkostüm für den Jungen ein Problem sein könnte, war mir persönlich vor dem „Buchtrailer“ gar nicht bewusst. Die gesellschaftlichen Implikationen und Zuschreibungen der Mädchen/Jungen-Unterschiede (wer „kann“ was, wer darf was) werden meines Erachtens nicht angesprochen.

Obwohl, oder gerade weil einige Aspekte von Vielfalt der progressiven Gesellschaft fehlen, eignet sich dieses Buch hervorragend als Einstieg in das Thema der Diversität und kann von einem größeren Publikum konsumiert werden ohne zu viel anzuecken. Ich finde es toll, dass es endlich auch in Deutschland ein Buch über Vielfalt gibt und wünsche mir mehr davon! Mehr Bücher und mehr Vielfalt! Dass „Ich bin anders als du“ 2019 schnell ausverkauft war und schon ein Jahr später eine zweite Auflage erschien, zeigt, dass dieses Thema den Zeitgeist trifft.  

Das „Büchlein“ ist also ein gestandenes Buch, ein fröhliches und unbeschwertes obendrein, und genau das Richtige für Kindergarten- und junge Grundschulkinder.

©Kathrin Schneider

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