Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel. Mira Lobe, Winfried Opgenoorth. 27. Auflage. Jungbrunnen, 2020 [1981].

Da es im letzten Post um Vielfalt in einem deutschen Buch ging, bleiben wir diesmal in der Nähe: die Reise führt uns nach Österreich. Ich gestehe, ich kannte Mira Lobe und ihr bekanntestes Werk und Wesen „das kleine Ich bin ich“ bis vor ein paar Jahren nicht. Dann las ich zufällig irgendwann den obigen Buchtitel und kaufte das Buch kurzerhand. Zuerst war ich etwas enttäuscht: die Geschichte fand ich mäßig, die Illustrationen altbacken (1981!) und es irritiert mich bis heute, dass die Geschichte auf der Innenseite des Covers beginnt (unweit des Impressums), nach einmal umblättern erst die Titelseite kommt (rechts der Titel, links ebenfalls Text), wohingegen es in meinem Verständnis erst nach der Titelseite mit dem Buchtext losgehen sollte … Eine Weile lag das Buch nur in der Bücherkiste herum und dann begannen wir plötzlich, es immer häufiger zu lesen, und der Text entfaltete eine wahre Zauberkraft.

Valerie ist ein kleines Mädchen (sie schläft im Gitterbett unter einem Mobile), das zum Einschlafen auf ihrer Gute-Nacht-Schaukel schaukelt und noch so einige Abenteuer erlebt, bevor sie völlig erschöpft einschläft. Vorab das Wichtige: Valerie wird von ihrem Vater zu Bett gebracht, nicht wie in den meisten Gute-Nacht-Geschichten von der Mutter. Dies ist schon fast Grund genug, das Buch zu mögen! Zusätzlich ist der Text in Reimen geschrieben, was den Kindern ganz besonders viel Freude bereitet. Eine Zeitlang musste „Valerie“ jeden Abend vorgelesen werden, was ich nicht so toll fand, denn das Buch ist doch ziemlich lang… (man will schließlich auch endlich Feierabend haben). Aber die Kinder waren so begeistert von der Sprachmelodie und dem Rhythmus des Textes bis sie ihn stellenweise mitsprechen konnten. Ganz besonders beliebt war die Stelle „Papa, ich und unsre Tiere, / lauter liebe Passagiere, / reisen heut nach Nirgendwo, / in das Städtchen Irgendwo, / zu der Oma Immerfroh / und zum Opa Ebenso.“ Natürlich stritt man sich, wer Oma sagen darf, wer Opa sagen darf, ob man es überhaupt zusammen aufsagen durfte … zumindest waren sie sich einig, dass Mama überhaupt nichts sagen durfte (gerne hielten sie mir auch den Mund zu, damit ich wirklich nichts sagen konnte).

Nach dem Haare waschen bekommt Valerie von ihrem Vater einen Handtuchturban gedreht und das kleine Mädchen ignoriert die Bitten des Vaters, sie möge doch bitte ins Bett gehen. Viel lieber schaukelt sie noch in ihrer Holzschaukel, die zwischen Flur und Kinderzimmer angebracht ist. An der Wand hängt ein Bild von einem Gebäude mit spitz zulaufenden Fenstern, Türmchen und Kuppeln. In dieses sogenannte „Turbanland“ fliegt sie hinein und sitzt auf einem Dromedar (im Buch fälschlicherweise als „Kamel“ bezeichnet) zwischen Minaretten, Basaren, wilden Tieren und fliegenden Teppichen. Anhand von fünf weiteren Kopfbedeckungen, die der Vater ihr nach und nach reicht, denkt sie sich weitere Abenteuerszenen aus: Regenhut eines Kapitäns → Schiff auf dem Meer, Kopftuch → Bäuerin auf dem Land beim Tiere hüten, Schaffnerkappe → Zug fahren, Wollmütze → Schlitten fahren und Zylinder→ Zirkusdirektorin in der Manege. Die erste Doppelseite eines neuen Abenteuers beginnt immer mit Valerie auf der Schaukel (links) und ihr Zimmer rechts beginnt sich in die neue Szenerie zu verwandeln. Die zweite Doppelseite zeigt dann im Stile eines Wimmelbildes Valerie mitten in ihrem Abenteuer. Toll ist, dass Valerie ganz allein (nur mit gelegentlicher Hilfe ihres Vaters) ihre Abenteuer erlebt – sozusagen aus ihr selbst heraus. Und ihre Abenteuer haben so wunderbar gar nichts mit Prinzessinnen, Prinzen oder sonstigen schrecklichen „Mädchen-Themen“ zu tun! Valerie kann Schiffe navigieren, Eisenbahnen lenken, Schlitten fahren, einen Zirkus leiten, Vieh eintreiben und in ferne Länder reisen. Sie ist die aktive Person in ihren Abenteuern! Und sie hat überhaupt kein Problem damit, sich selbst als „Seemann“ zu bezeichnen. Sie ist dann folglich auch ein „Kapitän“, keine „Kapitänin“.

Valeries Vater hält sich sehr zurück, ist dennoch präsent im Text – jedoch nicht in den Bildern. Er ermahnt Valerie kontinuierlich, doch jetzt bitte so nett zu sein, ins Bett zu gehen, was sie (natürlich) nicht macht. Er ist sehr geduldig, unautoritär, immer verfügbar und gibt Hilfestellung (zum Beispiel muss er Valerie die neue Kopfbedeckung geben). Er schimpft mit ihr, als sie im Nachthemd Schlitten fährt (verständlicherweise!), und fährt sogar in der Eisenbahn mit, da Valerie ihn darum bittet. Zum Schluss holt er sie aus dem Zirkus und bringt sie endlich ins Bett, da sie vor Müdigkeit fast umfällt. Ob es in diesem Haushalt auch eine Mutter gibt, wird nicht gesagt. Zumindest stehen im Zahnputzbecher drei Zahnbürsten.

Interessanterweise ist Valerie die Tochter des Illustrators Winfried Opgenoorth, der von der Zusammenarbeit mit Mira Lobe sagt, es wäre immer eine Arbeit auf Augenhöhe gewesen. Nachzulesen auf der offiziellen Webseite der Autorin, geführt von ihrem Sohn. Ähnlich scheint es auch mit Susi Weigel gewesen zu sein, die viele Bücher von Mira Lobe illustrierte – besser gesagt, mit Mira Lobe herausbrachte. So kam die Idee vom kleinen Ich bin ich von Susi Weigel (nachzulesen beim ORF). Mira Lobe (1913-1995), geboren in Görlitz in Schlesien, 1936 nach Palästina ausgewandert, 1950 nach Wien, wollte zwar angeblich schon von Kindsbeinen an, Geschichten schreiben, fing aber erst tatsächlich mit ihren eigenen Kindern an, Kinderbücher zu schreiben.

Die Altersempfehlung für „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“ wechselt zwischen 3-7 und 5-7, am sinnvollsten ist die Angabe auf der Webseite „ab 4“. Valerie selbst ist ja tatsächlich noch sehr klein, ältere Kinder identifizieren sich vermutlich nicht mehr so stark mit ihr – die Geschichte hingegen ist doch ziemlich lange. Ich bin mir nicht sicher, ob meine beiden mit 3 Jahren schon in der Lage gewesen wären, das ganze Buch durchzuhalten.

Valerie und ihr Vater könnten in jedem beliebigen west-/mitteleuropäischen Land leben – abgesehen von „Rauchfangkehrer“ (Schornsteinfeger) deutet nichts auf Österreich hin. Themen wie Gleichberechtigung und Neugier auf das vermeintlich Fremde waren Mira Lobe aber besonders wichtig und „Valerie“ hat uns einen guten Einstieg in ihr Werk gegeben – vielleicht folgt da noch mehr? Von Lobes Sprachwitz und poetischer Fantasie hätten wir definitiv gerne noch mehr!  

©Kathrin Schneider

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