Suki’s Kimono. Chieri Uegaki (Text), Stéphane Jorisch (Illustrationen). Kids Can Press, 2003.

Das heutige Buch macht einen Sprung von Europa in ein japanisch-nordamerikanisches Setting. Suki ist ein kleines Schulmädchen, das am ersten Schultag ihre Lieblingskleidung tragen möchte: ein Kimono, einen „obi“ (breite Schärpe um die Taille) und „geta“ (Holzclogs), die Suki von ihrer Großmutter (obāchan) bekommen hat. Blöd nur, wenn dies total untypisch ist und komisch aussieht. Sukis ältere Schwestern finden das beide auf jeden Fall total peinlich, versuchen es ihr auszureden und ignorieren sie auf dem Weg zur Schule. Sie hätte besser etwas neues oder cooles anziehen sollen!

Suki´s Großmutter, so erfahren wir anhand der Erinnerung Sukis, kam vergangenen Sommer auf Besuch, brachte die traditionelle japanische Kleidung mit und ging mit der Jüngsten auf ein japanisches Straßenfest. Auf diesem Fest aßen sie traditionell japanisches Essen (sōmen), tanzten im Kreis und hörten Schlagzeugern zu (taiko). Zum Abschluss kaufte sie Suki ein hellrosa Taschentuch: das wird dich immer an den heutigen Tag erinnern! Am ersten Schultag nach dem Sommer erinnert man sich natürlich noch gerne an das Highlight der Ferien. Vor allem wenn es ein Eintauchen in die Kultur der Vorfahren ist… Suki setzt sich gegen ihre Schwestern durch, ignoriert die Kinder auf dem Schulhof, die sie auslachen oder auf sie zeigen und erzählt dann in ihrer Klasse vom Festival, das sie mit ihrer Großmutter besuchte. Die Erinnerung ist so lebendig und ihr Herz so erfüllt und glücklich, dass sie vor der Klasse den Tanz imitiert, den sie auf dem Fest getanzt haben. Nach einer Weile applaudiert die ganze Klasse und Suki läuft nach der Schule beschwingt nach Hause, während ihre Schwestern schlechte Laune haben und grummeln, dass niemand ihre neue und coole Kleidung bemerkt habe.  

Suki und ihre Familie leben in Nordamerika und die Großmutter kam – vermutlich aus Japan –  zu Besuch. Das Buch thematisiert erstens das kulturelle Erbe und die Traditionen, die zwar nicht den Coolness-Status ausmachen, aber das Individuum bereichern. Zweitens geht es um die Verbindung von Suki zu ihrer obāchan, die einen schönen Tag zusammen verbracht haben. Das Mädchen erinnert sich dieser Zeit und ehrt die Großmutter, indem es den Kimono trägt. Drittens und am Wichtigsten geht es um die Entscheidung eines kleinen Mädchens, zu ihrem Wunsch zu stehen und ihn zu realisieren – trotz aller Widerstände. Dies ist wohl die wichtigste Botschaft des Buches und betrifft alle Kinder.

Chieri Uegaki ist Kanadierin, Tochter japanischer Einwanderer, und gehört zur zweiten Generation. Sie kennt das Leben zwischen zwei Kulturen, das auch in „Suki´s Kimono“ angesprochen wird. Interessant ist das Buch aber nicht nur für Kinder in ähnlicher Situation, sondern um allgemein interkulturelle Kompetenz bei den Lesern zu stärken und Rassismus vorzubeugen. Anhand Sukis Erzählung vor der Klasse lernen die Mitschüler von ihren kulturellen Wurzeln und die „komische Kleidung“ ist plötzlich gar nicht mehr so fremd. Auch dem Leser ist vieles bekannter und man hat sogar einige Wörter gelernt, die zu Beginn erklärt wurden.

Sukis Erfahrung an diesem Tag hat drei Seiten: 1. sie hat es geschafft, ihre zweite Kultur mit zu integrieren; 2. sie ist zu sich selbst gestanden; 3. Sie erfährt das Glücksgefühl und die Zufriedenheit, die Einheit mit sich selbst, die aus den Punkten 1 und 2 entstehen. Diametral dazu stehen ihre beiden Schwestern, die Gruppenzwänge akzeptieren, sich davon leiten und beeinflussen lassen.

Die Illustrationen von Stéphane Jorisch, einem kanadischen Künstler und Illustrator, sind wunderschön: zarte Aquarelle bringen die Geschichte federleicht herüber und lassen feine Töne anklingen. Man fühlt sich so beschwingt wie die kleine Suki, als wären einem auch Flügel gewachsen. Aus den Bildern kann man viel herauslesen und sie auch ohne Text genießen. Der Text ist immer an anderer Stelle auf der Seite und gibt der Geschichte Dynamik und Leichtigkeit.

Leider gibt es das Buch nur auf Englisch. Da das Buch schon von 2003 ist, glaube ich nicht, dass es in absehbarer Zeit in Deutschland publiziert wird. Das spontane Übersetzen während des Lesens erfordert etwas Übung, aber mit gewisser Großzügigkeit in der Übersetzung geht auch dies. Man macht es dann wie Suki während des Tanzens: wenn man sich nicht an den nächsten Schritt erinnert, denkt man sich einen aus!  Natürlich liest man dann nie zweimal genau den gleichen Text. Kinder, die auf jedes Wort achten, werden hier ihre Probleme bekommen. Aber ich finde die Geschichte einfach zu liebenswert, als dass ich auf sie verzichten möchte. Und die Kinder wollen partout nicht mehr auf Englisch vorgelesen bekommen – dazu verstehen sie, im Vergleich zu Spanisch und Deutsch, einfach nicht genug.

Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Das Beste wäre natürlich eine sorgfältige Übersetzung des Textes (vielleicht wenn dieser unsägliche „lockdown“ mal zu Ende ist?). Da es für mich nicht in Frage kommt, eine Übersetzung ins Buch zu kritzeln, muss man sie ausdrucken und dann im Buch verfügbar haben. Am schönsten wäre, sie so auf die Seiten zu kleben, dass die Illustrationen nicht darunter leiden. Da dies sehr viel Arbeit ist und das Geklebe vielleicht auch nicht so sauber, könnte man versuchen, den Text nach Seiten organisiert auf einem Blatt ausgedruckt zu haben. Man müsste dann nur das Blatt bei der Lektüre auf jede neue Seite mitnehmen. Das Hin- und Herspringen zwischen Buch und Blatt könnte störend sein, wäre aber einen Versuch wert.

© Kathrin Schneider

3 Gedanken zu “Suki´s Kimono.

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