Last Stop On Market Street. Matt de la Peña (Text), Christian Robinson (Illustrationen). Puffin Books, 2017. [2015]

Dieses Kinderbuch ist wieder auf Englisch – leider. Es stammt aber noch aus unserer Zeit in Ecuador, wo es immer schwierig war an Bücher zu kommen und eher noch an englischsprachige als an deutsche. Außerdem muss man einfach anerkennen, dass der englischsprachige Kinderbuchmarkt zum Themenbereich „Multikulti“ viel viel viel weiter ist als der deutsche und es viel mehr Auswahl gibt. Die Ereignisse der letzten Jahre und der Aufschwung, den Bewegungen wie Black Lives Matter erfuhr, haben dieses Bewusstsein noch verstärkt und Publikationen von Kinderbüchern mit dunkelhäutigen Protagonisten beflügelt. Es gibt aber auch viele Bücher über Feste, Traditionen etc. (z.B. von asiatischen Ländern), die von Einwanderern oder ihren Kindern geschrieben wurden. Wie zum Beispiel Chieri Uegakis Kinderbuch „Suki`s Kimono“, der vorhergehende Blogpost. Der Autor von „Last Stop on Market Street“, Matt de la Peña, ist Sohn von mexikanischen Einwanderern. In seinem Kinderbuch folgt man einem ca. 4jährigen afroamerikanischen Jungen und seiner Großmutter durch eine US-amerikanische Großstadt – vielleicht New York City, wo auch der Autor lebt…

CJ fährt mit seiner Großmutter (Nana) nach dem Gottesdienst mit dem Bus zu einer Suppenküche, um bei der Essensausgabe an Bedürftige zu helfen. CJ hat eigentlich keine Lust auf diesen Ausflug, den sie regelmäßig unternehmen, aber Nana lässt keine Widerrede zu. CJ sieht wie sein Freund Colby in einem Auto wegfährt und wird sich des Unterschiedes zu seiner eigenen Situation bewusst. Er fragt seine Großmutter, warum sie kein Auto haben. Später wird er ihr auch sagen, dass Colby und Miguel nie irgendwohin müssen (im Vergleich zu ihm, der jetzt zur Suppenküche muss). Es ist wohl normal, sich mit Altersgenossen zu vergleichen – vor allem, wenn man den Eindruck hat, schlechter abzuschneiden als sie. Nana ist allerdings erstaunlich kreativ in ihren Antworten und so positiv eingestellt, dass ihr nicht nur immer eine schlaue Antwort einfällt, sondern ihre Version auch noch erstrebenswerter erscheint. Wer will schon in einem Auto sitzen, wenn man in einem feuerspuckenden Bus sitzen und sich von den Zaubertricks des Busfahrers Mr. Dennis beeindrucken lassen kann? Nana hat die bewundernswerte Eigenschaft dort etwas Schönes zu sehen, wo die Mehrheit der Menschen nur die Abwesenheit von materiellem Reichtum sieht. Das Fehlen eines Autos wird nicht schön geredet oder durch Ausreden gerechtfertigt. Es wird ersetzt durch die Begegnung mit verschiedenen Menschen, mit denen sie durch das regelmäßige Treffen eine Bindung aufgebaut haben (Busfahrer, Besucher der Suppenküche) oder Menschen, die sie gerade erst treffen (Mitfahrende). Der gleichen Logik folgend sagt sie, dass sie Colby und Miguel, die nie irgendwohin müssen, bedaure, denn sie würden nie Bobo oder den Sonnenbrillen-Mann treffen. Was auch darauf hindeutet, dass durchaus ein paar exzentrische Charaktere regelmäßig in die Suppenküche kommen. Nana begegnet den Menschen offen und authentisch, sie verstellt sich nicht und macht damit reale Begegnungen möglich. Sie sieht die Person hinter dem Äußerlichen. Außerdem scheint sie, die nicht im Geld schwimmt, einer Pflicht zu folgen, anderen zu helfen, denen es schlechter geht. Aus welchen Gründen sie dies tut (christliche Nächstenliebe?), wird nicht gesagt.

Im Bus achtet Nana darauf, die Mitfahrenden zu begrüßen und sie hat auch sonst keine Angst ins Gespräch zu kommen – ohne jedoch selbst aufdringlich zu wirken. Vielmehr strickt sie und unterhält sich mit CJ. Man kann sagen: sie „erzieht“ ihn, denn sie gibt ihm ihre Werte weiter – ohne jemals „oberlehrerhaft“ zu sein. Im Bus sehen sie, typisch für eine Großstadt, ganz viele Leute unterschiedlicher Herkunft, Alter, Glaubensbekenntnisse, Lebensentwürfe etc. Ein Mann mit seiner Gitarre, eine schrullige ältere Dame mit Schmetterlingen im Marmeladenglas, ein Mann voller Tatoos, Jugendliche mit Ohrstöpseln und einem Blinden mit Blindenhund. Der kleine CJ bewundert die Jugendlichen und hätte gern auch einen iPod („Sure wish I had one of those“), doch Nana weiß es wieder besser: warum Musik aus der Konserve hören, wenn man einem Gitarrenspieler genau gegenüber sitzt? Der Gitarrenspieler spielt auch prompt ein Lied, das CJ und Nana – auf Rat des Blinden – mit geschlossenen Augen genießen. Den traumartigen Moment, den CJ erlebt, ist eine Ode an die Macht und Magie der Musik, die alle Grenzen und Barrieren überwindet.

Als der Bus an der letzten Haltestelle auf Market Street ankommt, steigen sie aus und laufen noch durch ein paar heruntergekommene Straßen (Grafitti, Mann mit Einkaufswagen, auffliegende Vögel, Stacheldrahtzaun) bis sie an ihrem Ziel ankommen. CJ bemerkt den Schmutz überall und fragt wieder seine Nana nach dem Grund – diese zeigt aber nur auf den Regenbogen über den Häusern. Sie lässt sich von ihrer Überzeugung, CJ nur das Positive zu zeigen, nicht abbringen. Und es klappt. Der kleine CJ bewundert seine Großmutter und schaut zu ihr auf: Er fragt sich, wie sie es schafft, dort Schönheit zu finden, wo er nicht einmal suchen würde („He wondered how his nana always found beautiful where he never even thought to look.”). Obwohl CJ keine Lust hatte, zur Suppenküche zu gehen, ist er am Schluss doch glücklich hingegangen zu sein. Er erfährt die Erfüllung, die soziales Engagement mit sich bringt: „I´m glad we came.“ (Ich bin froh, dass wir gekommen sind.) Anstatt ihr tiefes Lachen zu lachen, tätschelt sie seinen Kopf und sagt, „Me too, CJ.“ Dass sie etwas anderes macht, als CJ es erwartet, deutet auf eine Metaebene hin: Nana ist sich viel mehr der Dinge bewusst, als sie es CJ sagt. Es scheint, als ob sie sich ab und an auch motivieren muss, um zur Suppenküche zu fahren. Das Wunderbare an diesem Buch ist (neben vielen anderen Dingen), dass die Geschichte aus CJs Perspektive erzählt wird (personale Erzählperspektive) und dies auch konsequent durchgehalten wird. Deshalb erfahren wir auch nicht mehr über Nanas Hintergründe und Motive, denn wir sehen sie mit CJs Augen, seinem Wissen und Verständnis. Die angedeutete Metaebene zeigt jedoch: Nana tut zwar so, als ob sie den Schmutz, die Armut etc. nicht sehen würde, ist sich der ungleichen Verteilung aber durchaus bewusst – sonst würde sie sich nicht in einer wohltätigen Arbeit einbringen. Ihrem Enkel lehrt sie, den Menschen unvoreingenommen zu begegnen und nicht so viel Wert auf Besitztümer zu legen. Die Beziehung zwischen Nana und CJ ist eine ganz besondere. Sie schärft sein Auge und beeinflusst sein Handeln. Konsequenterweise ist dies CJ aber gar nicht klar und so wird dies nicht explizit gesagt. So wie auch Armut und soziale (Un)Gerechtigkeit nicht weiter erläutert werden. Es dreht sich um die Großmutter-Enkel-Beziehung, die eben in einem Umfeld stattfindet, das noch weitere Themen nahelegt, wenn man sie denn ansprechen will. Damit ist das Buch schon für Kleinkinder geeignet.

Noch ganz kurz zu den Illustrationen: getreu der Perspektive des Kindes sind auch die Bilder großflächig, zweidimensional und stilisiert, ein bisschen wie von einem Kind, gemalt. Sie nehmen die ganze Seite ein oder stellen mehrere kleine Szenen auf einer Seite dar. Die Farben sind bunt, getreu der Fröhlichkeit und Diversität, die das Buch vermittelt. Insgesamt also sehr passende Bilder. Insgesamt also ein rundum gelungenes Buch!

© Kathrin Schneider

2 Gedanken zu “Last Stop On Market Street.

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