Nelly und die Berlinchen. Die Schatzsuche. Karin Beese (Text), Mathilde Rousseau (Illustrationen). HaWandel Verlag, 2019.

Hier mal ein Buch auf Deutsch und aus Deutschland (Berlin), das multikulturell und politisch korrekt ist. Die titelgebenden Figuren leben in Berlin, Nelly kommt aus einer multikulturellen Familie, Hannah hat zwei Mamas und Amina ist aus einer muslimisch scheinenden Familie. Nelly ist die Hauptperson der Geschichte: sie ist ein bisschen die Tonangebende, hat oft gute Ideen und Lösungen und ihre Familie rahmt die Geschichte ein. Zu Beginn sieht man Nellys Familie bereits im Park (als die anderen beiden erst noch ankommen) und am Ende bringen ihre Eltern sie und ihren Bruder zu Bett. Die Geschichte der drei Mädchen präsentiert sich in Reimform, was wohl die Spezialität von Nelly ist: „Wenn Nelly spricht, dann wird gelacht, / weil sie aus allem Reime macht.“ Dieses Art von Reimen zieht sich durch das Buch (sprechen/brechen, vier/wir, hüte/Tüte …), was mir persönlich nicht so gut gefällt, die Kinder sind aber ganz begeistert. Vor allem A. ist recht vernarrt in das Buch und versucht es auswendig aufzusagen… Die drei Mädchen machen eine Schatzsuche auf einer riesigen Wiese (Park) bei einem Gemüsegarten, der wie ein Gemeinschaftsgarten aussieht. Nelly hat vier Sachen von zuhause mitgebracht: eine Murmel, eine Einhornfigur, ein Buch und Bonbons. Nelly gibt Hannah und Amina ein gereimtes Rätsel als Hinweis auf das Versteck: wenn die beiden das letzte Wort erraten, wissen sie, wo der Schatz versteckt ist. Nach der erfolgreichen Runde mit den drei Berlinchen, taucht plötzlich die Drachenbande auf: Flo, Hadi und Mai (die nächsten drei Kinder aus weiteren multikulturellen Familien und Kontexten). Die Drachenbande hat einen Drachen, der aber ohne Schwanz nicht mehr fliegen kann. Man spürt ein bisschen Spannungen zwischen den beiden Gruppen und es ist nicht ganz klar, ob die Drachenbande freundliche Absichten hegt: „Dass euch sowas als Suche reicht!? / Das war ja wirklich babyleicht!“ Geht es darum, wer am coolsten ist („Die coolste Bande hier im Land!“)? Wer die tollsten Reime macht („Zum Reimen sind wir auch im Stande“)? Sie wollen spielen, es klingt allerdings wie eine Herausforderung: „Könnt ihr nur meckern oder mehr? / Versteckt den Schatz mal richtig schwer!“. Also veranstalten die Berlinchen für die Drachenbande eine erneute Schatzsuche: die vier Objekte sollen mit Hilfe von vier gereimten Rätseln gefunden werden. Graphisch sind die vier Verstecke sehr schön anhand von verkürzten Seiten dargestellt, die ein spielerisches Element einbauen und sehr animierend sind. Jede der verkürzten Seiten rechts verdeckt, wenn man sie dann nach links umblättert auf dem linken Blatt das gefundene Objekt und das Kind, das es gefunden hat. Da die Zwillinge gerade total auf Reime stehen, finden sie es natürlich besonders toll, selbst bei der Schatzsuche nach den passenden Wörtern (Lösungen) zu suchen. Die Schatzsuche im Buch endet dann fast im Streit, da die Bonbons (natürlich die Krönung der ganzen Suche) nicht gefunden werden. Als alle suchen helfen, stellt sich heraus, dass Nellys kleiner Bruder Tajo die Bonbons unbrauchbar gemacht hat. Die Kinder beschließen einfach mit den Bonbonpapieren den Drachen gemeinsam zu reparieren und ihn dann zusammen steigen zu lassen.

Ein Buch, mit dem Kindergartenkinder viel anfangen können: abgefasst in kindgerechter Sprache, Darstellung von für Kinder naheliegende und bekannte Handlungen und Themen und eine sehr einfache Geschichte. Es wird durchgängig aus der Perspektive der Kinder erzählt, das heißt, viel vom „Drumherum“ wird weggelassen: es gibt keine Erklärungen, warum wer wo ist – die Kinder sind einfach da und man spielt zusammen. Das macht es natürlich auch einfacher zu erzählen, denn man muss nichts erklären – es fehlt dann aber auch die Tiefe, die Kinderbücher haben müssen, um dauerhaft bestehen zu bleiben. Eine erzählerische Meisterleistung findet sich hier nicht, dennoch ist es toll, dass mehr und mehr auch auf dem deutschen Kinderbuchmarkt, Protagonisten unterschiedlicher Herkunft, Religion und Hautfarbe zu finden sind. Das Besondere an diesem Buch ist, dass die dargestellten Kinder aus allen möglichen Familienkonstellationen und multiethnischen Hintergründen einfach zusammen spielen und diese Merkmale/Konstellationen eben gerade nicht thematisiert werden. „Die Schatzsuche“ ist das zweite Buch in Folge nach „Nelly und die Berlinchen. Rettung auf dem Spielplatz.“ aus dem Jahr 2016, das wohl sprachlich etwas unausgereift ist.  Laut der Webseite der Autorin/des Verlags sind die Berlinchen-Bücher eine Kinderbuchserie, die „Vielfalt als Normalität im Alltag von Mädchen und Jungen“ zeigt. Die Autorin Karin Beese hat den Verlag HaWandel gegründet mit dem erklärten Fokus „diversity“ und dieses Jahr sollen zusätzlich die ersten Bücher anderer Autoren erscheinen. Laut der Webseite soll 2021 bereits ein dritter Band herauskommen.

Die Illustrationen sind lieb gemacht und nehmen – altersentsprechen – viel Raum ein.

Wegen der Konstruiertheit der Personen und der flachen Geschichte ist es nicht mein persönlicher Favorit, aber den Kindern gefällt die Geschichte wirklich sehr gut: sie spielen ganz oft Drachenbande (vermutlich wegen des klingenden Namens), basteln Drachen und veranstalten Schatzsuchen im Wohnzimmer. Und ich muss zugeben: je häufiger man es liest, desto mehr gefällt es auch. Kinder mit einem Schwarzen Elternteil werden sich hier stark mit Nelly identifizieren können, und genauso toll ist es, dass weitere kinderbuchuntypische Gruppen hier repräsentiert werden! Es bleibt abzuwarten, ob, wie und wann die Autorin diese Themen auch anschneidet.

© Kathrin Schneider

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