Rosa Parks. Little People, Big Dreams. Lisbeth Kaiser (Text), Marta Antelo (Illustrationen). Aus dem Englischen von Svenja Becker. Insel Verlag, 2020. [2019]

Die Geschichte von Rosa Parks, einer US-amerikanischen Bürgerrechtsaktivistin, wird hier kindgerecht dargestellt.Das heißt, anhand von reduzierten Informationen zu ihrem Leben, klarer Sprache und großflächigen Illustrationen. Man kann sich sehr leicht mit der kleinen Rosa und ihrem Kampf für gleiche Rechte für Alle identifizieren. Sie wuchs mit ihrem Bruder und Mutter bei den Großeltern im südlichen Bundesstaat Alabama auf. Die Sklaverei war zwar abgeschafft, aber es herrschte strenge Rassentrennung: Rosa durfte nicht im Schulbus mitfahren und später, als sie in der Stadt arbeitete, musste sie separate Gebäudeeingänge, Trinkbrunnen und Wartezimmer benutzen. Im Bus sollte sie aufstehen, wenn eine weiße Person sich setzen wollte. Eines Tages sagte sie im Bus „nein“ und weigerte sich aufzustehen. Sie wurde verhaftet und musste eine Nacht im Gefängnis verbringen. Dieses Nein führte zu einem Busboykott der Schwarzen Bevölkerung, die keine Busse mehr benutzte, bis die Rassentrennung in Bussen aufgehoben wurde. Rosa zog dann in den Norden, da es im Süden der USA für sie nicht mehr sicher war. Sie setzte sich weiterhin für gleiche Rechte der Menschen ein (auch für das Wahlrecht, für Frauenrechte und für die Rechte von Menschen in Gefängnissen) und bekam viele Auszeichnungen. Am Ende des Buchs gibt es eine Doppelseite mit Originalfotos und einem Text mit detaillierteren Informationen. Besonders schön finde ich, dass Rosas Gefühl und Intuition betont wird: „Rosa wusste, [nicht im Schulbus mitfahren zu dürfen] war nicht richtig. Sie wusste, sie war genau so ein Mensch wie jeder andere. Bloß kapierten die anderen das oft nicht. […] Ihr Leben war voller Regeln, und Rosa wusste, sie waren nicht richtig.“ Sie spürte und wusste es und arbeitete stetig darauf hin, etwas zu ändern. Eine wunderbare Botschaft für Kinder!   

Dies war unser erstes Buch der Serie Little People, Big Dreams, die ursprünglich in Spanien unter „pequeña y grande“ (Alba Editorial) publiziert wurde. María Isabel Sánchez Vegara brachte 2014 das erste Buch der Reihe eigentlich als Geburtstagsgeschenk für ihre Zwillingsnichten heraus. Laut eigener Aussage war sie geschockt, dass die Kinderliteratur immer noch so prinzessinnenlastig war und wollte ihren Nichten ein Buch über eine starke weibliche Persönlichkeit schenken, die viel bewirkt und verändert hatte. Da sie selbst kurz davor eine Biographie über Coco Chanel gelesen hatte und von ihr beeindruckt war, schrieb sie über die Modeschöpferin ein Kinderbuch. Aus dem Konzept wurde schnell ein Hit und mittlerweile wird die erfolgreiche Serie in vielen Ländern bei verschiedenen Verlagen, zum Teil zu unterschiedlichen Persönlichkeiten, herausgebracht. Es gibt unzählige verschiedene Titel zu Persönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Bereichen: WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen, AktivistInnen, SportlerInnen, PhilosophInnen. Auf Deutsch sind 27 bei Suhrkamp Insel veröffentlicht worden, wobei Hannah Arendt und Pina Bausch nur auf deutsch erhältlich sind und spezifische Anfragen von Suhrkamp für den deutschen Markt waren. (Das Videointerview mit Sánchez Vegara ist auf der Homepage der Reihe beim Suhrkamp Verlag.)

Das Tolle dieses Buches ist neben der kindgerechten Aufbereitung der Geschichte, dass das Buch zwar das Leben der Protagonistin von jungen Jahren an bis ins hohe Alter erzählt, die Darstellung von Rosa aber fast immer die gleiche, nämlich als junges Mädchen, ist. Meine Kinder haben mich darauf aufmerksam gemacht (ich glaube, ich hätte es nicht sofort bemerkt) und gefragt, warum Rosa immernoch ein kleines Mädchen ist, wenn sie arbeitet, Raymond heiratet, im Bus „nein“ sagt, auf Demos geht oder Auszeichnungen erhält. Sie hat auch immer ein rotes Kleid an und entweder eine gelbe Bluse oder eine schwarz-weiß gestreifte. Ich finde das ein tolle Idee, um Kindern klar zu machen, dass man immer die gleiche Person ist, und dass die ältere Rosa im Kern immernoch wie Rosa als kleines Mädchen ist. Dies bestärkt die Kleinen und im Falle von diesem Buch ermutigt sie, zu ihren Ideen zu stehen und für ihre Ziele zu kämpfen. Der Erfolg der Serie liegt nicht zuletzt darin, den kleinen Lesern zu zeigen, dass auch „little people“, „big dreams“ haben können und wenn sie sich dafür einsetzen auch verwirklichen können und damit Großartiges schaffen. Es lässt die Kinder an sich selbst glauben, gibt ihnen Mut und die Lust am Träumen.

Nun kann man sich als Erwachsene(r) noch mit den genaueren Umständen beschäftigen: Es gab wohl schon vor Parks, Schwarze Menschen, die sich weigerten ihren Sitzplatz aufzugeben, wie Claudette Colvin, die angeblich die erste Person war. Es gibt auch Stimmen, die sagen, Parks wäre mit dem Bus gefahren um genau eine solche Situation zu schaffen, die dann von der Bürgerrechtsbewegung instrumentalisiert werden kann. Rosa Parks, ihre Aktion und die Bürgerrechtsbewegung dieser Zeit müssen sicherlich in einem größeren Kontext gesehen werden. Natürlich war sie mit Raymond Parks verheiratet, der bei der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) sehr aktiv war und auch Rosa arbeitete dort als Sekretärin. Man muss sich bewusst sein, dass Geschichtsschreibung eine Auswahl von Momenten und Personen ist, eine Reduktion. Solange mehr Information verfügbar ist, so dass man sich ein genaueres Bild machen kann, tut dies jedoch der Sache keinen Abbruch.

Man sieht anhand der Darstellung im Buch auch, dass Schwarze damals als „Farbige“ („Colored“) bezeichnet wurden. Deshalb ist die Bezeichnung heute politisch nicht korrekt, denn sie stammt aus der Zeit der Rassentrennung, ist negativ konnotiert und stellt eine Fremdbenennung dar: Weiße (Oppressoren) haben nicht-weiße Menschen so bezeichnet. „Black“/“Schwarz“ ist hingegen eine Selbstbezeichnung und damit angemessen. Heutzutage wird Schwarz auch groß geschrieben als Zeichen dafür, dass über die Hautfarbe hinausgehend, Personen gemeint sind, die Zielscheibe von Rassismus sind. In USA gibt es auch die weitere Selbstbezeichnung „People/Person of Color“ (POC), die alle nicht-weißen Menschen bezeichnet, beziehungsweise „Black, Indigenous and People of Color“ (BIPOC), um auf die besondere Geschichte des Rassismus der Schwarzen und Indigenen Bevölkerung hinzuweisen. Das N*Wort wiederum ist eine absolute Beleidigung und kann keinesfalls verwendet werden. Es ist nicht „einfach ein Wort“, sondern transportiert sehr viel Bedeutung, da es aus der Geschichte der Versklavung und Kolonisierung stammt und mit Brutalität, Verwundung und Schmerz verbunden ist. Es ist ein Wort, das weiße Menschen oft strategisch benutzen, um Schwarze Menschen zu erniedrigen. In USA ist die afroamerikanische Geschichtsschreibung bereits sehr weit gediehen, in Deutschland stehen wir erst am Anfang. Dabei geht es nicht darum, Probleme oder Hashtags aus USA in Deutschland zu replizieren, sondern um eine afrodeutschen Geschichtsschreibung mit den Spezifika für Deutschland. Dass ein AfD-Abgeordneter das N*Wort mehrmals verwendet (Oktober 2018), zeigt, dass in den Köpfen von vielen noch nicht angekommen ist, dass es nicht um eine politisch korrekte Sprache per se geht, sondern darum, sich seiner Sprachverwendung bewusst zu sein und einfach mal ein bisschen Zeit darauf zu verwenden, etwas über die Begriffe zu recherchieren und zu lernen.

Mehr zum Thema:

Robert Probst, 19.12.2019 Süddeutsche Zeitung https://www.sueddeutsche.de/politik/mecklenburg-vorpommern-afd-abgeordneter-durfte-neger-sagen-1.4730989

Verena Greb, 01.03.2020 auf Deutsche Welle https://www.dw.com/de/demonstration-in-hamburg-nie-wieder-das-n-wort/a-52266817

Nelly Bihegue https://verfassungsblog.de/wieso-das-n-wort-nie-die-richtige-bezeichnung-fuer-schwarze-menschen-ist/

Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V.  https://isdonline.de/

© Kathrin Schneider

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