Alles Schweine, oder was?! Alice Brière-Haquet (Text), Pénélope Paicheler (Illustrationen). Aus dem Französischen von Klaus Cäsar Zehrer. Klett Kinderbuch, 2013. [frz. Ausgabe „Un mouton au pays des cochons“ 2010]

In diesem netten Kinderbuch aus Frankreich geht es um Rassismus und Diskriminierung – Themen, die man eigentlich nicht mit dem Adjektiv „nett“ verbindet. Hier ist der Autorin allerdings gelungen, ein wichtiges Thema auf nette und lustige Art für Kinder aufzubereiten. Dazu gehören auch wieder Reduktionen: es wird nicht viel erklärt, sondern „nur“ die Geschichte einer Animosität erzählt, die sich durch einen Unfall in eine Freundschaft wandelt.

Schafspapa lebt mit Schafskind im Schweineland und sie werden dort diskriminiert: „Schweine können Schafe nicht leiden. Und das zeigen sie auch uns beiden.“ Ganz besonders gemein ist Schweinenachbar Bodo Grunz, bis er eines Tages so beschäftigt damit ist, böse Blicke zu ihnen zu werfen, dass er eine Baustelle übersieht und in ein Loch stürzt. Während alle drumherum nur untätig zusehen, hilft allein Schafspapa und zieht den bösen Grunz aus dem Loch. Danach gehen sie zum Bäcker, aber Bäckerin Frau Fett weigert sich, ihm das letzte Brot zu verkaufen und sagt, es wäre für Herrn Grunz, der nach ihnen in den Laden kam. Der gerade vom Schaf gerettete Grunz erwidert allerdings, sie solle es teilen: die eine Hälfte für ihn, die andere Hälfte für Familie Schaf. Daraufhin läd Schafspapa den Grunz zum Teetrinken in seine Wohnung ein. Bei Tee und Süßspeisen auf Sitzkissen um einen kleinen runden Holztisch mit orientalischen Schnitzereien bemerken Schaf und Schwein, dass sie viel mehr gemein haben als angenommen und dass sie sich sehr gut verstehen. So freunden sich die beiden an, denn: „Ob einer Schaf ist oder Schwein / ist piepegal. / Wer glaubt, das sollte anders sein, / der kann uns mal.“

Eine einfache Botschaft, die man durchaus auch schonmal erlebt hat: „Der/Die X ist ja eigentlich ganz nett!“. Im Buch erlaubt erst das tatsächliche Kennenlernen des Anderen die Erkenntnis, dass man sich trotz seines äußerlichen Andersseins, innerlich sehr ähnlich ist. So interessant es sein kann, etwas über kulturelle oder religiöse Unterschiede zu lernen, ist es doch produktiver, die Gemeinsamkeiten anstatt des Andersseins zwischen Menschen und Bevölkerungsgruppen zu betonen. So wie auch Schaf und Schwein bemerken, dass sie gerne Pilze sammeln, Gurken essen, faulenzen und Lieder singen. Übrigens denkt Schafspapa auch schlecht über Bodo Grunz, bevor er ihn kennenlernt. Auch er lernt erst die Macht der Gemeinsamkeiten kennen – allerdings sind Animositäten aus der Gruppe der Minderheit immer als Antwort auf erfahrene Diskriminierungen zu werten.

Anekdote zur „Macht der Gemeinsamkeiten“: Ich erinnere mich gut an eine kurze Dokumentation über eine Hochhaussiedlung irgendwo in Schweden, in der sich die Jugendlichen immer mehr in Gangs zusammenschlossen und abends herumhingen und kriminellen Aktivitäten nachgingen oder diese planten. Die schwedische Polizei weigerte sich bereits, in die Siedlung zu fahren und Konflikte zu lösen. Eine Gruppe von Müttern hatte sich zusammengeschlossen und organisierte, dass jeden Abend ein kleines Team von Moms um die Häuser patroullierte, um die Jugendlichen zurück auf die rechte Bahn zu bringen. Da sah ich diese Mütter und so viel war mir fremd an ihnen: ihre Sprache (sowohl Schwedisch, als auch Arabisch), ihre Verschleierung und Religion, vermutlich auch das, was sie jeden Tag kochen, woher sie kommen etc. Aber das, was sie da machten (patroullieren), um ihre Kinder zu schützen, hat mich tief berührt. Was würde ich nicht alles tun, müssten wir an einem Ort und unter Bedingungen leben, die meine Kinder bedrohten.  

Der Text präsentiert sich in Reimform, wobei die Sprachmelodie durch unterschiedlich lange Sätze und Vermischung von Kreuzreim (abab) und Paareim (aabb) nicht immer ganz flüssig ist. Dies tut der Story aber keinen Abbruch. Allerdings sind die Illustrationen mitunter wenig gefällig. Viele der Schweine gucken richtig böse und sind teilweise wenig vorteilhaft bzw. derb dargestellt, wie z.B. ein dickes Schwein trinkt auf der Café-Terrasse breitbeinig ein Bier, eine Schweinefrau hängt aus dem Autofenster und beschimpft den Autofahrer hinter ihr, das fiese Schweinemädchen schaut immer ganz verschlagen und fast alle Schweinefrauen haben riesige Dekolletés. Vielleicht ist dies der Mehrheitskultur geschuldet (aus der Position der Minderheit hat man durchaus Einblicke in die nicht vorteilshaften Aspekte der Mehrheitskultur) oder der Wahl des Tieres Schwein oder es ist einfach der karikatureske Stil der Illustratorin (siehe Grunz und Schafspapa beim Schafe-Schweine-Rock´n´Roll). Die Kids haben sich in jedem Fall nicht daran gestört und vielleicht muss ja auch nicht alles immer „schön“ dargestellt sein.

Die Schafe im Buch verkörpern eine arabische Kultur – sichtbar am Teetrinken und den Süßspeisen („Plätzchen“ in der deutschen Übersetzung). Man sieht vereinzelt noch mehr Schafe im Schweineland, zum Beispiel auch den Bauarbeiter der Baustelle, in die Herr Grunz fällt. Während Schweinefleisch in der arabischen Kultur tabu ist (sie dafür viel Schaf und Lamm essen), verzehren die Franzosen, wie auch die Deutschen, von allen Tieren am meisten Schwein (durchschnittlicher Verzehr in Frankreich 32,5kg, in Deutschland 38,1kg, pro Kopf pro Jahr). Man kann diese offensichtliche Darstellung von zwei unterschiedlichen Kulturen (arabisch vs. europäisch) anhand des Tieres, das sie am meisten essen, bemängeln oder auch witzig finden. Im Buch wird die Diskriminierung nicht detailliert und nur auf „Sie mögen uns nicht.“ beschränkt. Spezifische Themen wie Religion, Essen, Bräuche etc. sind ausgeklammert. Schön ist, dass man die dargestellte Diskriminierung auch auf andere Situationen übertragen kann, in denen sich eine Minderheit gegenüber einer Mehrheit befindet: religiöse Minderheiten, People of Color, Menschen mit Behinderung.

© Kathrin Schneider

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s