El gran capoquero. Un cuento de la selva amazónica. Lynne Cherry (Text + Illustration). Aus dem Englischen ins Spanische übersetzt von Alma Flor Ada. Houghton Mifflin Harcourt, 1994. [The Great Kapok Tree, 1990]

Hier ein ganz besonderer Fund eines bereits älteren Buches aus dem Englischen. Für uns auf Spanisch, da ich davon ausging, es gäbe das Buch nicht auf Deutsch. Außerdem muss ich ja sowieso den spanischsprachigen Anteil unserer Bücher aufstocken. Da es in dem Buch um das südamerikanische (brasilianische) Amazonasgebiet geht, passt es auch perfekt, da wir vermutlich irgendwann auch mal den ecuadorianischen Regenwald/Amazonasgebiet besuchen werden. Bei der Recherche zu diesem Post habe ich doch aber tatsächlich entdeckt, dass arsEdition das Buch in den 1990er Jahren auch mal herausgegeben hat. Die Ausgaben, die es im Moment aber noch gibt, rangieren allerdings von 35€ bis weit über 100€, oder sind gebraucht in nicht so gutem Zustand (immer noch für 20€). Wie aus dem Titel ersichtlich, geht es um den Kapokbaum (oder auch Wollbaum), der in den Regenwäldern unserer Erde wächst. Dieser Baum stammt ursprünglich aus den amerikanischen Tropen, ist aber mittlerweile über die gesamten Tropen verbreitet, und beeindruckt sehr: „Der bis 60 m hohe Baum bildet im Alter eine weit ausladende, schirmförmige Krone und meterhohe Brettwurzeln. Vor dem Austrieb der großen, handförmig gefiederten Blätter erscheinen die weiß-, gelb- oder rötlichen, 5zähligen, außen wollig behaarten Blüten, die durch Fledermäuse bestäubt werden.“ (Quelle: spektrum) An sich also schon eine interessante Pflanze (span. „la ceiba“).

Zwei Männer befinden sich im Urwald, der zuerst als sehr laut beschrieben wird. Doch das Vogel- und Affengeschrei verstummt, als die Tiere die Männer „beobachten“ und „sich fragen, was diese im Wald tun“. Der größere von beiden zeigt auf einen Kapokbaum, den der andere fällen soll. Dann geht er davon. Der kleinere der beiden Männer bleibt zurück und schlägt einige Male seine Axt in den dicken Stamm. Erschöpft und verschwitzt schläft er am Fuß des Baumes ein, eingelullt von den Geräuschen des Dschungels. Während er schläft, nähern sich nacheinander verschiedene Tiere, die auf diesem Baum leben: eine Boa, eine Biene, eine Gruppe Äffchen, drei Vögel (Tukan, Ara und Roter Felsenhahn), ein Frosch, ein Jaguar, Stachelschweine, Ameisenbären und ein Faultier. Manche Tiere werden als Gruppen bezeichnet, wie die Äffchen, die Ameisenbären und die Stachelschweine. Aber auch wenn der Text von nur einem Tier spricht (wie bei der Schlange, dem Frosch, der Biene), zeigen die Illustrationen immer ganze Gruppen oder Horden von Tieren: ganz verschiedene Frösche, ganz viele Schmetterlinge und Insekten bei dem Bienenbesuch und zwei weitere Schlangen und jede Menge Leguane und Eidechsen beim Besuch der Boa. Nur der Jaguar nähert sich dem Mann ganz allein, was seinen imposanten und majestätischen Auftritt noch verstärkt. Zum Schluss kommt noch ein kleiner Junge, der ebenfalls im Urwald heimisch ist. Alle Lebewesen surren dem schlafenden Mann ein, dass er doch bitte ihr Zuhause nicht zerstöre und (so der kleine Junge), dass er doch bitte seine Umwelt mit neuen Augen sehen möge. Der Mann wacht plötzlich auf und sieht all die Urwaldbewohner um sich. Er sieht sich um und bemerkt das Sonnenlicht, das sich durch die Baumkronen einen Weg nach unten bahnt, sieht wie es glitzert und funkelt, sieht die wundersamen Pflanzen, die überall wuchern, sieht wie Pflanzen und Tiere in einer gegenseitig gestützten Einheit und einem fragilen Gleichgewicht leben. Er riecht den Duft der Blumen und spürt den Dampf, der vom Erdboden aufsteigt. Aber er hört keinen einzigen Ton mehr, denn alle Tiere sind verstummt. Er nimmt seine Axt und – mit einem letzten Blick auf die Tiere und den Jungen – verlässt den Dschungel.

Die Illustrationen aus Wasserfarben und Farbstiften vermitteln ganz wunderbar die Üppigkeit und Dichtheit des Regenwaldes. Blätter, Zweige, Tiere, Früchte, Stämme – alles wuchert übereinander in Grün-, Braun-, Gelb- und Rottönen. Alles ist sehr naturgetreu wiedergegeben: jedes Haar und jede Faser. Die Bilder erinnern an gemalte Bilder alter Naturatlanten, wie sie in den letzten Jahren wieder beliebt geworden sind. Man merkt, dass die Autorin eine Naturliebhaberin ist und auf ihrer Homepage bestätigt sich dies: neben zahlreichen Büchern zu Natur- und Umweltschutz, finden sich Informationen zu vielen Aktivitäten und Events.

Durch die breiten Bilder, die sich über die gesamten Seiten erstrecken (der Text ist gerahmt darauf), wirkt das Buch wie ein Fenster in eine andere Welt – nämlich die des Dschungels. Zur Fülle und Intensität des Waldes trägt auch bei, dass man keinen „Ausweg“, keinen Fluchtpunkt, kein Stück Himmel (außer undefiniertes Blau beim Besuch der drei Vögel) sieht. Die Natur mag hier also übermächtig sein, sie wuchert, es ist ihr Territorium. Der Mann ist hier ein Eindringling, der zerstören und mitnehmen will. Der Junge, der im Urwald lebt (in einem Eingeborenenstamm), ist hingegen Teil des Gleichgewichts, der Ordnung des Dschungels. Man erfährt nicht, was der Mann tatsächlich wollte und in welchem Verhältnis er zu dem ersten Mann steht. Es bleibt offen, ob der Mann die Begegnung mit den Tieren und dem kleinen Jungen träumt, halluziniert oder gar tatsächlich erlebt. Die Illustrationen zeigen ganz wunderbar seine Überraschung beim Aufwachen, beim Entdecken der Schönheit des Urwalds (nächste Seite nach dem Aufwachen) und seine Miene mit dem intensiven Blick, als er die Axt aufnimmt und sich schließlich davon macht. Sein Besuch im Urwald wurde zu einem Augen-Öffner, ein Schlüsselmoment, das ihn für immer verändert haben wird. Besonders positiv fällt auch auf, dass der schlafende Mann aus ganz unterschiedlichen Perspektiven gezeigt wird, so dass es nie langweilig wird, obwohl die Szenen so ähnlich sind. Lynne Cherry hat hier trotz des sich wiederholenden Motivs nicht den einfachen Weg gewählt, es immer gleich darzustellen.

Zu Beginn und am Ende findet man eine Weltkarte mit den tropischen Regenwäldern der Welt, umrahmt von den Tieren des Dschungels (mit Beschriftung!) und als Besonderheit eine Art Längsschnitt durch den Urwald, der die Schichten vom Erdboden bis zu den Wipfeln benennt und angibt, wo welche Tiere leben. Sehr interessant! Besonders schön finde ich auch, dass ganz verschiedene Tiere genannt werden. Nicht nur die typischen wie Affen, Tukan und Jaguar, sondern auch so vermeintlich unwichtige wie Frösche oder Bienen. Dies veranschaulicht schön, dass kein Tier weniger wichtig ist als die anderen und dass Ökosysteme ein fragiles Gleichgewicht besitzen. Die Rolle des Menschen kann hier auch sehr gut thematisiert werden (Mann vs. Junge). Ein wunderschönes Buch, um die Majestät und gleichzeitig die Zerbrechlichkeit der Natur darzustellen.  

© Kathrin Schneider

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