Tief im Ozean. John Hare (Illustrationen). Moritz, 2021.

Heute möchte ich ein textloses Buch vorstellen. Bis vor einigen Jahren kannte ich das Prinzip von Kinderbüchern ohne Text nicht, inzwischen bin ich ziemlich begeistert. Dies ist unser drittes textlose Buch und ich finde alle toll! Die Geschichte ergibt sich aus den Bildern selbst, für die man keinen vorgegebenen Text hat. Das ist durchaus anstrengender als einfach vorlesen, was man ja manchmal auch mechanisch machen kann. Wenn man abends schon total müde ist, eignet es sich also nicht unbedingt – andererseits kann man natürlich auch zu jeder Seite kurz und knapp einen Satz sagen und zack, fertig. Man muss sich dann aber vermutlich Proteste und Diskussionen anhören! Interessanterweise bekommt die Lektüre einen ganz neuen Drive, wenn der Fokus auf den Illustrationen liegt – man hat einen ganz anderen Zugang zur Geschichte, achtet und wertschätzt die Illustrationen mehr und ist aufmerksamer. Oft sind die Illustrationen dann auch dementsprechend und bieten viele Details, Lustiges und Wiederkehrendes. Natürlich hat es auch etwas sehr Interaktives und alle Beteiligten (auch die, die sonst nur zuhören) werden aktiviert. Und es gibt so viele neue Möglichkeiten: man kann die Geschichte jedes Mal etwas abändern, sie aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen, mal die Kinder teilweise oder ganz erzählen lassen, Fragen einbauchen, auf unterschiedlichen Sprachen erzählen (das Problem verschiedener Sprachen existiert hier ja gar nicht mehr!)… und so vieles mehr.  

In „Tief im Ozean“ fährt eine Gruppe (Schulklasse) mit einem gelb leuchtenden U-Boot bis auf den dunklen Meeresgrund und spaziert dort in dicken, altmodischen Tauchanzügen herum. Es sind ganz dicke Anzüge mit zaunartigem Visier und einer Lampe, die über ihrem Kopf hängt, gleich einem Anglerfisch. Ein Junge, der Protagonist, knipst ganz fasziniert von allem Fotos mit seiner Unterwasserkamera. Plötzlich entdeckt er eine Schatztruhe und wird so abgelenkt, dass er seine Gruppe verliert. Er stürzt von einem Felsen tiefer auf den Meeresgrund und sieht noch das U-Boot davonfahren. Soweit man das im Taucheranzug sehen kann, ist er sehr traurig. (Frage an die Kinder: Wie würdet ihr euch fühlen?) Der Junge freundet sich allerdingt mit einigen Meeresbewohnern an, rekonstruiert eine Unterwasserstadt (Atlantis?) und wird schlussendlich wieder mit dem U-Boot abgeholt. Denn irgendwann merkt ja auch die Begleitperson, dass jemand fehlt.

Sie fahren zurück und sammeln den Alleingelassenen wieder ein. Im U-Boot zeigt der Junge seine geschossenen Bilder. Zu Beginn und am Ende sieht man, dass die Kinder ganz unterschiedlich aussehen (verschiedene Hautfarben), aber den Großteil des Buches sind sie ja im Tauchanzug, in dem sie plötzlich alle gleich aussehen und diese Äußerlichkeiten keine Rolle spielen.

Die Illustrationen sind ganz wunderbar: Sie sind groß und einfach, aber dennoch gibt es viel zu entdecken. Die Farben sind kraftvoll und leuchten. Dadurch, dass man selber erzählen muss, ist es auch nochmal umso wichtiger, was und wie dargestellt wird. Da schaut man dann doch genauer hin: wer sieht jetzt zu wem? Was passiert im Hintergrund? etc. Ganz tolle Schulung, genau hinzusehen – für Kinder wie für Vorlesende. Durch die kraftvollen, reduzierten Bilder sowie eine einfache Handlung kann man das Buch auch schon mit ganz kleinen (ab 2 Jahren) ansehen – Achtung kein Pappbilderbuch! Die Handlung ist ziemlich explizit und am Ende fallen sich Begleitperson und Kind bei ihrem Wiedersehen in die Arme. „Nobody is left behind!“ und die Story geht gut aus! Die verschmitzte Darstellung der Meeresbewohner verleiht der Geschichte noch die kindgerechte Putzigkeit und verlagert sie von einer realen Ebene auf die fantastische. Gleichermaßen fühlt man sich durch die Darstellung des U-Boots und der Tauchanzüge doch gleich an Jules Verne erinnert: hier also vielleicht die erste Annäherung der Kleinen an die Abenteuer von Nemo, Aronnax et cie.?

Das Schema ist in jedem Fall aus einem Abenteuerbuch: ein Ausflug in eine abgeschiedene, „andere“ Welt, eine Person wird von der Gruppe getrennt oder bleibt allein zurück, sie erlebt daraufhin etwas Wundersames, am Ende wird sie gerettet und zurückgeholt. Dem gleichen Schema folgte bereits das Vorgängerbuch von Hare „Ausflug zum Mond“. Da ich aber kürzlich vermehrt Ozean- und Meeresbücher gekauft habe, fand ich dieses Thema passend und wir können ganz abtauchen! Ein voller Erfolg.

© Kathrin Schneider

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